„Resilienz“ in der Energieversorgung

Resilienz ist seit einigen Jahren eine der am häufigsten verwendeten Vokabeln in öffentlichen Diskussionen, während der Begriff zuvor der Psychologie vorbehalten war. Eine Definition des politischen Resilienz-Begriffs gibt es nicht, was seine Beliebtheit erklärt, denn durch seine Verwendung legt sich der Verwender nicht eindeutig fest, was er meint.

Ursprünglich bedeutet Resilienz die Fähigkeit, sich Veränderungen anzupassen und negativen Umwelteinflüssen unbeschadet zu widerstehen. In der Politik wird der Begriff eher im Sinne von Unabhängigkeit von dritten Staaten und Versorgungssicherheit benutzt. Mit Bezug auf unsere Energieversorgung wird regelmäßig behauptet, die „Energiewende“ mache uns resilienter, weil sie uns unabhängig von fossilen Energien macht. Was ist davon zu halten?

Unter „Energiewende“ wird allgemein die Umgestaltung des Energiesystems weg von fossilen (und nuklearen) Energieträgern hin zu 100% erneuerbaren Energien verstanden. Bezogen auf Deutschland ist damit ein System gemeint, in dem Strom den Verkehrssektor und Wärmesektor dominiert, also Autos mit Batterien fahren (bei Nutz- und Schienenfahrzeugen sowie Schiffen und in der Luftfahrt sind auch Wasserstoff und seine Derivate zulässig) und Wärme zum Heizen, für Warmwasser und Niedertemperaturwärme in der Industrie durch (Groß-)Wärmepumpen (vereinzelte Pelletheizungen sind zulässig) bereitgestellt wird.

Aufgrund des beschränkten Potenzials und nicht-energetischer Bedarfe von Biomasse und Wasserkraft muss der weitaus größte Teil des Stroms aus Wind- und Solarenergie bereitgestellt werden. Das noch aus Ampelzeiten stammende EEG sieht auch eine Aufteilung hierauf vor: Es sollen 400 MW PV-Kapazität installiert werden. Ohne Berücksichtigung von Abregelungen, wären die in der Lage 350 bis 400 TWh Strom zu erzeugen (das meiste im Sommer, aber das ist ein anderes Thema). Bezogen auf den heutigen Strombedarf von gut 500 TWh (einschließlich Eigenversorgung) wären das bis zu 80%, aber der Strombedarf wird künftig viel höher liegen, Zahlen von 1.000 bis 1.200 TWh werden genannt. Rund jede dritte Kilowattstunde soll also aus PV-Anlagen stammen.

Eine PV-Anlage hält gut 20 Jahre, d.h. es müssen jährlich 5% der Anlagen, also 20 GW an Ersatzinstallationen getätigt werden. Letztes Jahr sind ca. 15 GW in Deutschland installiert worden. Mehr als 85% der weltweiten PV-Anlagenproduktion einschließlich der vorgelagerten Lieferketten konzentriert sich heute auf China, Tendenz steigend. Auch die PV-Anlagen in Deutschland stammen zu fast 90% aus China, die Niederlande und Dänemark haben auch ein paar Prozente geliefert. Die heimische Produktion ist stark rückläufig.

Sollte China als Lieferant für den Weltmarkt ausfallen (mögliche Gründe gibt es genug), hätte die gesamte Welt einen gigantischen, ungedeckten Bedarf an PV-Anlagen, was für ein paar Monate zu verschmerzen wäre (so wie seinerzeit ein Importstopp von russischem Erdgas), aber die Frage ist, wie lange es dauern würde, bis andere Länder annähernd Ersatzproduktionskapazitäten einschließlich der vorgelagerten Lieferketten aufgebaut haben.

Ein Ausweichen auf vermehrte Windkraftkapazitäten stellt keine Lösung dar, weil in Deutschland mehrere Jahre vergehen, bis eine Anlage in Betrieb genommen wird. Abgesehen davon sind Netze und Speicher auf Solaranlagen mit völlig anderer Erzeugungscharakteristik und anderen Standorten ausgelegt. Es müssten erst wieder Netze gebaut werden.

In jedem Fall würde es zu einem deutlichen Anstieg der Kosten für die Anlagen kommen, denn wenn sie anderenorts ähnlich günstig produziert werden könnten wie in China, würde es heute schon passieren. Investitionen in PV-Produktionskapazitäten müssten staatlich unterstützt werden.

Noch gravierender ist die Situation bei Batterien. Schätzungen zufolge hat China auch hier inzwischen einen Marktanteil von 80%. Allerdings produzieren auch die übrigen Länder (Japan, Südkorea) größtenteils in China. Hinzu kommt, dass die vorgelagerten Lieferketten, insbesondere die knappen Rohstoffe Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit ebenfalls in chinesischer Hand sind, auch wenn die Rohstoffvorkommen meist aus anderen Ländern stammen.

Bei E-Autos ist von einer Nutzungszeit von ca. zehn Jahren auszugehen, das bedeutet 10% aller Batteriekapazitäten in Fahrzeugen müssten jedes Jahr ersetzt werden. Die Autohersteller in Europa haben sicher ein paar Batterien auf Lager (die werden vom Lagern nicht besser), mit denen sie einen Exportstopp aus China für ein paar Monate überbrücken können. Danach ruht dann die gesamte Autoproduktion, bis eigene Batterieproduktionskapazitäten geschaffen wurden. Wie sich bei Northvolt gezeigt hat, ist das weder einfach noch kurzfristig machbar, ganz zu schweigen davon, dass es viel teurer ist. Dabei sind die Probleme bei den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen noch gar nicht berücksichtigt. Ein paar Jahre wird es dauern, bis wieder Autos produziert werden. Welche Auswirkungen ein mehrjähriger, vollständiger Stillstand der Autoindustrie in Deutschland hätte, mag man sich nicht vorstellen.

Im Strommarkt lassen die Auswirkungen etwas länger auf sich warten. Die hier eingesetzten Batterien sind rund 20 Jahe nutzbar, also müssen nur 5% jährlich ersetzt werden. Nach drei Jahren gäbe es spätestens erhebliche Probleme, weil der ganze Solarstrom nicht mehr für die Zeiten nach Sonnenuntergang zur Verfügung stünde, sondern schlicht abgeregelt werden müsste. Zusätzliche zeitliche Verbrauchsanpassungen werden nicht mehr möglich sein, denn die sind nach bisherigen Plänen vorher schon ausgeschöpft. Die Strompreise werden explodieren.

Russland hat „nur“ gut 50% des deutschen/europäischen Erdgases geliefert. Andere Lieferanten, vor allem Norwegen und die USA konnten einspringen. Trotzdem hat der „Gaskrieg“ Deutschland und Europa hunderte von Milliarden Euro gekostet und wirkt bis heute wirtschaftlich und politisch nach. Dabei lag der Weltmarktanteil von Russland am Erdgasmarkt (Produktion) nicht einmal bei 20%. Der Anteil von Erdgas am Primärenergieverbrauch in Deutschland lag nur bei gut einem Viertel. Wir konnten auf Heizöl, Kohle, Kernenergie ausweichen. Künftig gibt es nach derzeitigen Planungen praktisch nur noch Strom.

Die Weltmarktanteile von China bei Batterien und PV-Anlagen sind über 80%. Zu behaupten, das sei etwas anderes als bei fossilen Energien, gilt nur für ein paar Monate, danach schlägt das Problem mit umso härterer Wucht zu.

Fehler machen ist menschlich, wobei das Ausmaß, dass die deutsche Politik sich bei der Abhängigkeit von russischen Energieimporten geleistet hat, schon erschreckend ist. Wenn aber wie jetzt, der gleiche Fehler noch einmal, sogar in noch größerem Ausmaß gemacht wird, muss man von Dummheit sprechen.

Deutschland ist bereits heute nicht nur durch die USA (Militär, IT) vollständig erpressbar, sondern demnächst auch durch China, wenn nicht gar heute schon. Anstatt diese Abhängigkeiten zu reduzieren, werden sie durch Subventionierung von chinesischen Batterien und PV-Anlagen noch vergrößert. Die Krönung des Irrsinns ist, dass gerade die Politiker und Lobbyisten, die das fordern, es auch noch mit „Resilienz“ begründen. Nach aktueller Energiepolitik nimmt die Resilienz dramatisch ab, denn Kohle, Erdöl, Erdgas mit Abstrichen, sind deutlich weniger konzentriert in der Welt verfügbar.

Um eine „resiliente“ und trotzdem klimaneutrale Energieversorgung zu realisieren, müssen PV+Batterien zugunsten von Wind+Wasserstoff ersetzt, eigene Produktionskapazitäten für Batterien und PV-Anlagen einschließlich der Wertschöpfungsketten bis zu Rohstoffen in erheblichem Maße aufgebaut werden und Lithium-Batterien durch Natrium- und Redox-Flow-Batterien ersetzt werden. Allerdings muss auch bei Windkraftanlagen die Rohstoffabhängigkeit verringert werden.

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