Versorgungssicherheit

Im einschlägigen Spannungsdreieck der Energiewirtschaft aus Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit hat der Fokus jahrelang auf dem Thema Umwelt/Klima gelegen. Seit letztem Jahr ist vielen klar geworden, dass dabei die Wirtschaftlichkeit weitgehend auf der Strecke geblieben ist. Seit dem mehrtätigen Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres, richtet sich der Blick urplötzlich wieder auf die Versorgungssicherheit. Dahinter verbirgt sich das alte Muster, wonach immer erst „etwas passieren“ muss, bevor etwas passiert. Dabei gab es im September schon einen solchen Vorfall.

Neben der politischen Perspektive sind die Vorfälle auch energiewirtschaftlich bemerkenswert. Deutschland hat sich jahrzehntelang einer exzellenten Infrastruktur und einer besonders hohen Versorgungssicherheit gerühmt. Das von ersterer nur noch marode Brücken und eine Bahn, die als Abenteuerreiseveranstalter von sich Reden macht, übrig sind, ist inzwischen bekannt. Die Versorgungssicherheit ist spätestens seit der Liberalisierung der Strommärkte und der Veröffentlichung von Netzentgelten Ende der 90er Jahre ein zentrales Argument der Stromnetzbetreiber gewesen, die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern viel höheren Netzentgelte zu rechtfertigen – zu einer Zeit, als man den Ausbau der Netze für die Energiewende noch nicht vorschieben konnte.

Zu einer hohen Versorgungssicherheit gehören vermaschte Netze und das n-1-Prinzip. N-1 bedeutet, dass bei Ausfall einer Leitung die Versorgung unbeeinträchtigt bleibt, weil mindestens eine weitere, unabhängige Leitung deren Aufgabe übernimmt. Dieses Prinzip ist nicht immer erfüllt, einen abgelegenen Bauernhof wird man selten in eine Ringleitung einschleifen, sondern mit einer Stichleitung versorgen. Das n-1-Prinzip ist schon deswegen geboten, weil sonst an der einen Leitung keine Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten stattfinden können. Ganze Stadtteile einer Großstadt müssen auf jeden Fall über zwei Leitungen versorgt werden können. Das gilt auch für Berlin, wo es historisch bedingt besondere Verhältnisse gab, die aber nun auch schon 35 Jahre der Geschichte angehören.

Nach vorliegenden Medienberichten ist Anfang Januar, wie auch im September, nur eine Leitung zerstört worden. Da stellt sich doch die Frage, wo hier das n-1-Prinzip ist. Oder sind die Medienberichte unvollständig? In jedem Fall fragt man sich, wie viele solcher Schwachstellen es in den Stromnetzen – trotz der hohen Entgelte – denn gibt? Es ist offenkundig, dass die Terroristen über gute Kenntnisse der Netztopografie verfügten, mithin es Verbindungen zu speziellen Mitarbeitern des Stromnetzbetreibers gegeben haben muss.

Das Monitoring der Versorgungssicherheit fällt in den Aufgabenbereich der Bundesnetzagentur, die hierzu auch Berichte vorlegt. Bemerkenswerter Weise ist zu dem Stromausfall vom Präsidenten der Behörde gar nichts zu hören, obwohl der doch sonst sehr mitteilungsfreudig ist, insbesondere, wenn es um den Strommarkt und die Erneuerbaren Energien geht.

Versorgungssicherheit wird historisch unter zwei Aspekten betrachtet: Reichen die Kraftwerkskapazitäten in jedem Szenario aus, um die Stromnachfrage zu jedem Zeitpunkt zu decken? Sind die Netze ausreichend dimensioniert und technisch zuverlässig?

Zur Beantwortung der ersten Frage gibt es Methoden und Daten. Die Bundesnetzagentur hat diese einschließlich der aktuellen Untersuchungsergebnisse erst im September 2025 wieder dargelegt. Die zweite Frage hingegen wird in diesem Bericht systematisch nicht behandelt. Hierzu gibt es aber separate Untersuchungen und Kennzahlen, die belegen, dass in Deutschland alles in Ordnung ist. Die durchschnittlichen Unterbrechungszeiten infolge von Netzstörungen betragen nur wenige Minuten. Für Menschen, die tagelang im Dunkeln frieren, ist das wenig hilfreich. Eine kurzfristige Unterbrechung ist leicht zu verschmerzen (wenn man nicht gerade im Fahrstuhl steckt), je länger es dauert, desto schlimmer ist es. Das ist zu berücksichtigen.

Die Gaskrise 2022 hat gezeigt, dass die bisherige Herangehensweise an das Thema Versorgungssicherheit unvollständig ist. Die Frage, ob für die Kraftwerke genügend Erdgas verfügbar ist, wurde nie gestellt. Das ist umso erstaunlicher als bei Steinkohle immer auf Vorräte am Kraftwerksstandort für den Winter geachtet wird, weil der Transport im Winter behindert werden kann. Offenkundig sind diejenigen, die die Ölkrisen noch in verantwortlicher Position miterlebt haben inzwischen aus dem Berufsleben ausgeschieden.

Auf den ersten Blick gibt es bei einem Münzwurf nur zwei mögliche Ausgänge: Kopf oder Zahl. Nach längerem Nachdenken fällt auf, dass die Münze auch auf der Schmalseite stehen bleiben kann, unwahrscheinlich, aber möglich. Es gibt aber noch eine vierte Möglichkeit, nämlich die, dass die Münze nicht wieder runterkommt, warum auch immer. Die Möglichkeiten sind immer größer als die Fantasie. Wer Szenarien von vornherein kategorisch ausschließt, sollte sich besser nicht mit Risikomanagement beschäftigen.

Man hätte erwarten dürfen, dass die Verantwortlichen und die Experten die Gaskrise zum Anlass nehmen, das Thema Versorgungssicherheit noch einmal grundlegend neu zu beleuchten und die Strategie zur Dekarbonisierung des Energiesystems unter diesem Aspekt neu zu bewerten. Nichts davon ist passiert. Stattdessen wird weiterhin einseitig ausschließlich auf Strom gesetzt, alles von Importen aus China abhängig gemacht (PV, Batterien, Wärmepumpen etc.), Strom über 1000 km durch das Land (und das Meer) transportiert, zentrale Großkraftwerke geplant, Stromimportmöglichkeiten zu jeder Zeit einfach vorausgesetzt und alles digitalisiert.

Weil Russland die Ukraine angegriffen hat, hat die EU-Sanktionen verhängt, u.a. sind Kohle-, Öl- und Erdgaslieferungen beschränkt worden. Nehmen wir einmal an, China greift Taiwan an. Wird die EU dann die Lieferungen von PV-Anlagen, Batterien und Wärmepumpen aus China verbieten?

Die ersten Stimmen sind zu hören, dass die dezentrale erneuerbare Stromerzeugung viel sicherer ist als die zentrale Fossile. Das stimmt aber nur, wenn die erneuerbaren immer genug Strom liefern, was nachweislich nicht der Fall ist, egal wieviel Batteriekapazitäten geschaffen werden. Insbesondere im Winter gibt es große Zeitbereiche, nicht nur hin und wieder ein paar Stunden, in denen der Strom aus den Gaskraftwerken kommen soll. Eine Risikoanalyse muss selbstredend alle Szenarien, alle Zeitbereiche und die gesamte Lieferkette umfassen.

Die Stromnetzbetreiber werden jetzt noch mehr Geld fordern und vermutlich auch bekommen. Vermutlich wird es auch wieder Stimmen geben, die eine Erdverkabelung fordern, weil das vermeintlich sicherer ist. Es ist sicher sehr viel teurer, aber nicht versorgungssicher.

Die größte Unsicherheit geht nach derzeitigem Konzept von den IT-Systemen aus, die viele dezentrale Anlagen steuern sollen. Sie sind auf ein funktionsfähiges Internet angewiesen und werden von sehr wenigen Softwaresystemen gesteuert. Ein Fehler in einem Softwaresystem kann die Stromversorgung zum Zusammenbruch bringen. Stromnetzbetreiber kommunizieren untereinander und mit großen Kraftwerken über eigene Kommunikationseinrichtungen. Millionen von kleinen Batterien, Wallboxen, Wärmepumpen, PV-Anlagen etc. sollen künftig von wenigen Internetlösungen gesteuert werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das schiefgeht. Im Versorgungssicherheitsbericht wird das nicht einmal thematisiert.

Um ein klimaneutrales Energiesystem kosteneffizient und versorgungssicher zu gestalten sind abweichend von den aktuellen Plänen folgende Maßnahmen und Prinzipien sinnvoll:

  • Technologievielfalt
  • Energieträgervielfalt
  • Reduzierung von Stromtransporten über weite Strecken: Windstrom im Süden ist zwar teuer, aber Windstrom aus dem Norden plus Transport ist noch teurer und auch noch unsicher
  • Offshore-Windparks zur Wasserstofferzeugung auf See verwenden, anstatt den Strom bis nach Süddeutschland zu transportieren
  • Dezentrale PV-Anlagen und Batterien nicht mehr subventionieren, zu teuer und die Steuerung ist ein Sicherheitsrisiko
  • Wärmepumpen durch dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung (BHKW und Brennstoffzellen) teilweise ersetzen
  • Gaskraftwerke verbrauchsnah und mit KWK bauen, statt nur im Süden
  • Energieintensive Unternehmen (z.B. Rechenzentren, Elektrolyse) erzeugungsnah allokieren (Stichwort Strompreiszonen)
  • Mehr Windkraft und weniger netzgebundene Fotovoltaik (stattdessen Offgrid-PV zur Wasserstofferzeugung)
  • Hohe Einfuhrzölle auf Importe von energietechnischen Anlagen aus China, um eine Produktion in Deutschland/Europa aufzubauen

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich ein jahrzehntelanges Dogma der politischen Linken als untauglich und falsch erwiesen: Frieden schaffen ohne Waffen. Wenn wir in Deutschland und Europa uns nur friedlich und vorbildlich bei Demokratie, Freiheit, Klimaschutz etc. verhalten, dann tut es der Rest der Welt auch. Dieses Denken hat uns geprägt. Es gibt bis heute keine Diskussion darüber, wie es zu einem solchen Unsinn kommen konnte. Das Volk wusste schon immer: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Nach wie vor glauben große Teile der politischen Klasse an o.g. Dogma. Deswegen wird weiterhin eine Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz gefordert, dass der Rest der Welt nicht mitzieht, wird bestritten oder ignoriert. Auch der globale Freihandel ist eine Konsequenz aus der Fehlannahme, dass der Rest der Welt ja auch nur Gutes will, so wie wir. Beharrlich werden Importe aus China verteidigt, ist schließlich billiger. Ökonomen können im Handumdrehen vorrechnen, welche Wohlfahrtsvorteile der freie Welthandel bietet. Leider vernachlässigen sie dabei die Möglichkeit, dass Staaten den Handel dazu nutzen könnten, Machtpolitik zu betreiben, Abhängigkeiten zu schaffen oder gar Krieg anzufangen. Das ist die gleiche Realitätsverweigerung, die in anderen politischen Strömungen zur DNA gehört.

Der Weg aus der Krise führt durch die Mitte.

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